Qualzüchtung und Co.

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Tolles Thema für eine Liebhaber/Hobby-Züchterin oder?
Ja und nein! – Ich liege in der Verantwortung nur gesunde & Wesensfeste Tiere zu verpaare und den Menschen mit einem guten Gewissen, gesunde Welpen übergeben zu können. 

Ich bin ein absoluter Gegner von Qualzüchtungen – von immer kleiner mit immer niedlicheren Gesichtern (sogenannte Puppengesichter) und Co. Kurze Schnauzen – keine Ruten – kleiner als klein – kurzen Beine – ohne Fell – etc. All das weil Menschen ihr Gehirn ausschalten. Stellt Euch vor die Menschen werden bewusst zu Zwerge oder ohne Nase oder ohne Gehirn geboren.

Egal ob Mensch oder Tier wir sind alle nur Lebewesen und Gäste dieser Erde – kann doch nicht sein, dass der Mensch alles vernichtet wie es ihm in seien Sinn kommt?!

Tierwohl in Menschenhand
Seit einiger Zeit ist jedoch ein starker Trend zur Aufklärung zu beobachten. Immer öfter finden sich kritische Presseberichte zu krank gezüchteten Heimtieren und Nutztieren. Besonders die Tierärzteschaft macht zunehmend mobil gegen Defektzuchten. So lässt sich auf Internetseiten von Tierarztpraxen lesen: »Wir bedienen keine Züchter von Qualzuchten.« Die Berliner Tierärztekammer organisiert Informationsveranstaltungen zu dem Dilemma und plakatiert zur Aufklärung und Abschreckung die Stadt, fast wie die Schreckensbilder auf Zigarettenpackungen, aber mit sarkastischem Slogan. Unter dem Dach der Bundestierärztekammer prangerten fünf tierärztliche Verbände den

Einsatz von Qualzuchten in der Werbung an und sandten offene Briefe an die Werbetreibenden. Auch auf europäischer Ebene kommt Wind auf. Die Federation of Veterinarians of Europe (FVE) sowie die Federation of European Companion Animal Veterinary Associations (FECAVA) wirken auf EU-Politiker ein und versuchen, auf die konkreten Formulierungen von europäischen Verordnungen Einfluss zu nehmen. Was mich besonders freut: Studierende der Tiermedizin organisieren von sich aus öffentliche Diskussionsrunden mit leidgeplagten Besitzern, Experten und auskunftsbereiten Züchtern. Die Gesellschaft soll informiert werden, besonders die Hundebesitzer und alle diejenigen, die planen, sich einen Hund anzuschaffen. 

Gespaltene Züchterwelt
Obwohl die durch Zucht verursachten Gesundheitsprobleme bei manchen Hunden und Katzen alarmierend zunehmen, scheinen mir viele Zuchtvereine und Einzelzüchter nichts oder so gut wie nichts gegen die aus meiner Sicht gravierenden Defekte ihrer »Produkte« unternommen zu haben. Noch schlagen zu wenige Verantwortungsträger den richtigen Weg ein. Stattdessen werden die Ausprägungsgrade mancher pathologischer Extremzuchtziele teilweise noch verstärkt, wobei zunehmendes Leiden in Kauf genommen wird. Und in kurzen Abständen werden neue Defekte infolge Inzucht aufgedeckt, auf den Chromosomen kartiert und 

einzelnen Rassen zugewiesen. Die Listen der pathologischen Mutationen werden immer länger. Dass immer noch zu viele Züchter und Zuchtverbände ihrer von Rasseliebhabern und Tierfreunden empfundenen Verantwortung nicht nachkommen, lässt sich womöglich durch deren Interesse an Pokalen, Siegertiteln und Verkaufserlösen erklären. Gesundheit wird eben nicht mit Pokalen bei Ausstellungen und Spitzenpreisen auf dem Käufermarkt belohnt. Vielmehr lassen sich manche findigen Züchter und Schausteller offensichtlich absurde Praktiken einfallen, um nicht nur das Fell ihrer traurigen Zuchtprodukte zu frisieren. So ist zu hören, dass Wunschgewinner an warmen Ausstellungstagen schon mal mit Kühlakkus abgekühlt werden, wohl um ihre zuchtbedingt mangelhafte Wärmeregulation und Hechelprobleme auszugleichen. Und was liegt 

näher, als bei Zuchttauglichkeitsprüfungen auf körperliche Belastbarkeit mit Laufparcours, Zeitmessung und Pulskontrolle komplett chirurgisch korrigierte Nasen und Gaumensegel einzusetzen? Die Kandidaten würden in diesem Fall den Test auf anatomische Fitness wohl leicht bestehen, erhielten ihre Zuchtfreigabe und dürften dank des kleinen Betrugs ihre Gene weitergeben. Die Notwendigkeit zur chirurgischen Plastik in der nächsten Generation wäre dann vorprogrammiert. Ob die neuen amtlich angeordneten Zwangskastrationen Schule machen, um eine Trendumkehr auf mancher Züchterseite zu bewirken, werden die nächsten Jahre zeigen. Welchen Eindruck hinterlässt der größte Dachverband für Hundezucht und Hundesport in Deutschland, der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH)? Eine genaue Betrachtung lässt trotz erkennbarer Einzelmaßnahmen auf Initiativarmut und mangelnde Konsequenz schließen. Wer sich auf der aktuellen (Dezember 2018) Internetseite des VDH über die verschiedenen Rassen informiert, stößt bereits bei den Rasseporträtfotos auf die Verherrlichung von umstrittenen Leitbildern wie unnatürliche Rückenlinien und Hinterhandstellungen beim Deutschen Schäfer, Boxer und anderen Rassen. Auch scheut der VDH immer noch nicht davor zurück, auf seiner aktuellen Internetseite mit einer sichtlich defektgentragenden Zuchtform für Hundefutter werben zu lassen und daran wahrscheinlich zu verdienen.

Dies erfolgt trotz entgegengesetzter Forderungen aus der Tierärzteschaft und trotz einer generellen Zuchtverzichtempfehlung für diesen Defekt im Qualzuchtgutachten. Und obwohl Letzteres bereits im Jahr 1999 auf die vielen gesundheitlichen Sorgen von Nackthunden und anderen Nackttieren hinwies, einschließlich einschließlich einer Empfehlung für ein Zuchtverbot für alle Defektgenträger auf Grundlage des Tierschutzgesetzes, unterstützt der VDH aktuell immer noch die Zucht von vier Nackthunderassen. Die Zeiten des VDH als Qualitätsmarke für zeitgemäßen Tierschutz scheinen mir längst vorbei. Dabei könnte er als Dirigent im Orchester der Züchter eine tonangebende Rolle übernehmen. Warum eigentlich nicht? Doch wie immer stinkt der Fisch vom Kopf her: Der weltweite Dachverband für Hundezucht, die Fédération Cynologique Internationale (FCI) bestimmt die konventionellen, global geltenden Standards und Zuchtziele für die einzelnen Hunderassen, die generell auch vom VDH und vielen deutschen Züchtern als Leitlinien angesehen werden. Die FCI-Goldstandards lesen sich jedoch für einen Tierpathologen in Teilen wie eine ausdrücklich formulierte Anleitung zum Unglücklichsein für die 

Objekte der Zucht. Mehr noch, manche Details einiger Rassestandards könnte man problemlos als schriftlich formulierte Verstöße gegen das Tierschutzgesetz empfinden, nicht zuletzt basierend auf den Empfehlungen des vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft beauftragten Qualzuchtgutachtens aus 1999. Dies gilt bereits für die erwähnte Nackthundeproblematik. Auch soll der Mops immer noch eine runde Kopfform aufweisen, mit »ziemlich« großem Kopf, was den Geburtshelfern auch in Zukunft Arbeit machen dürfte. Die optimale französische Bulldogge hat laut FCI einen sehr kurzen und breiten Fang. Bei der französischen Bulldogge und auch der englischen Bulldogge soll der Unterkiefer länger als der Oberkiefer sein, also quasi einem pathologischen Unterbiss entsprechen. Die damit verbundenen Risiken für Gesundheitsprobleme und bekannte Leiden  infolge von Gebissfehlstellungen und Kopfdeformationen halten nicht davon ab. Auch die beim FCI für manche Rassen geforderten Kurzschwänze sind aus tiermedizinischer Sicht bedenklich. Der Schwanz der französischen Bulldogge soll »von Natur aus kurz« sein, heißt es. Wirkt es nicht zynisch, wenn die durch Zucht entstandenen Risiken für Missbildungen weiter vorn gelegener Wirbelkörper und orthopädische Probleme der Hinterläufe auf die »Natur« zurückgeführt werden? Die Natur hat dem Hund einmal einen prächtigen Hundeschwanz geschenkt, mit dem er wedeln und balancieren konnte. Neben den durch solche Zucht in Kauf genommenen Risiken für anatomische und funktionelle Defekte kann bei den FCI-Vorgaben für extreme Kurzschwanzrassen wohl auch ein Verlust der Artgerechtigkeit vermutet werden. Artgerechtigkeit ist jedoch ein wesentliches Element im Geistdes Tierschutzgesetzes. Manche Züchter erklären das Elend der Tiere trotzdem als rassetypisch normal und somit akzeptabel. Die Regeln kommen ja »von oben«. Hier scheinen mir Sachverstand, Empathie und Verantwortungsbewusstsein in der Zunft der Züchter noch nicht überall etabliert zu sein.

Die Umsetzung der FCI- und VDH-Empfehlungen in der täglichen Zuchtpraxis und damit die tragende Rolle bei jeder Einzelentscheidung, welche Tiere verpaart werden, liegt jedoch in der Hand der einzelnen Zuchtvereine und Individualzüchter, von denen die überwiegende Zahl nicht dem VDH angeschlossen ist. Als mögliches Prädikat für eine gute Hundezucht empfinde ich daher den Hinweis, dass sich ein Züchter oder Zuchtverein explizit nicht an den FCI-Standards orientiert, sondern bewusst neue, gesundheitsorientierte Wege geht.

Dafür existieren bereits mehrere leuchtende Beispiele. Zuchtverbände, die aus dem VDH ausgetreten sind oder nie dort Mitglied waren, werden als Dissidenzzüchter bezeichnet, ihre Hunde als Dissihunde. Sie züchten mit eigenen Prädikaten und »Papieren«, die nicht vom VDH anerkannt werden. Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt – es kommt vor allem auf die Details der selbst verordneten Regeln an und auch darauf, wie konsequent diese umgesetzt werden. Tierärztliche Untersuchungen, Hüftröntgen, Gentests und viele andere Verfahren zum Ausschluss ungeeigneter Zuchttiere finden aber bei einer zunehmenden Zahl von Dissidenzzüchtern Anwendung. Deshalb können – wohlgemerkt: können! – ihre »Papiere« unter Umständen wertvoller sein als manche rassereinen Papiere von VDH- oder FCI-Züchtern: immer dann, wenn es sich um Stammbücher und Qualitätsatteste als Nachweise eines sinnvollen Zuchtmanagements handelt, das anderswo akzeptierte Defekte ausschließt. »Wir wollen keine Qualzucht haben«, sagt der erste Vorsitzende eines solchen Revoluzzervereins. »Wir wollen gesunden Hundenachwuchs. Der Mops braucht wieder eine richtige Nase und Schnauze.« Bitte schön, geht doch.

 

 

Das Kuscheltierdrama:

Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere
(Deutsch) Gebundenes Buch